14.06.2016
Auto & Reise

"Bei Fahr­un­tüch­tig­keit kön­nen Leis­tun­gen gekürzt wer­den"

Anpfiff – die Fußball-Europameisterschaft läuft. Ob auf dem Berliner Kudamm, der Hamburger Reeperbahn oder auf der Leopoldstraße in München: Fans feiern die Siege ihrer Mannschaft. GDV-Verbraucherexperte Mathias Zunk über das richtige Verhalten im Autokorso, mögliche Folgen für den Versicherungsschutz und die letzte Konsequenz, falls Mitfahrer im Siegestaumel verrücktspielen.

Herr Zunk, nach dem Sieg eines Teams bei der Fußball-EM kennt der Jubel oft keine Grenzen und es kommt zu Autokorsos. Sind die überhaupt zulässig?
Mathias Zunk: Wenn alles im rechtlichen Rahmen bleibt und man kühlen Kopf bewahrt, sind Autokorsos nicht verboten. Aber: Für den Autokorso gilt der Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung: Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt oder gefährdet wird. Auch Behinderungen und Belästigungen sind zu vermeiden. Unerlaubtes Hupen kann etwa mit einem Bußgeld belegt werden. Nach Länderspielsiegen drückt die Polizei allerdings meistens beide Augen oder besser gesagt, sie hält sich beide Ohren zu.


Erlischt die Anschnallpflicht, wenn das Auto im Korso steht? Darf man dann auf dem Fahrzeug herumklettern?
Zunk: Nein, die Fahrzeuginsassen müssen angeschnallt feiern. Und im Cabrio dürfen sie nicht auf dem Fahrzeugrand sitzen. Wird ein Mitfahrer bei einem Auffahrunfall verletzt, weil er nicht angeschnallt war, kann dies für ihn als Mitverschulden gewertet werden – mit entsprechenden Konsequenzen für den Schadenersatz. Schwere Verletzungen können auch bei Unfällen mit niedriger Geschwindigkeit passieren – etwa, wenn man sich weit aus dem Fenster herauslehnt. Beim Sitzen in der Autotür, beim Herauslehnen aus dem Fenster oder Stehen bei geöffnetem Schiebedach drohen bereits mit Tempo 40 schwerste und mitunter auch tödliche Verletzungen. Beachten sollte man beim Autokorso übrigens auch den Sicherheitsabstand zum Vorausfahrenden.


Viele schmücken ihr Auto mit Fahnen und Schals. Gibt es hier Grenzen?
Zunk: Es spricht sicher nichts gegen kleine Fähnchen am Auto. Der Fahrer muss aber sicherstellen, dass seine Sicht und sein Gehör durch Mitfahrer und Dekoration nicht beeinträchtigt werden. Wer Riesenbanner an einer langen Stange aus dem Fenster ragen lässt, kann Ärger kriegen. Laut Paragraph 22 der Straßenverkehrsordnung dürfen Fahrzeug samt „Ladung“ – also Fahne – nicht breiter als 2,55 Meter sein.


Natürlich sollte man betrunken nicht ans Steuer. Aber ein oder zwei Bier gehen doch, oder?
Zunk: Wer unter Alkoholeinfluss fährt, handelt immer verantwortungslos: Er riskiert nicht nur Führerscheinverlust, Punkte in Flensburg und strafrechtliche Folgen. Er gefährdet vor allem das Leben und die Gesundheit anderer Menschen. Und natürlich gefährden Alkohol- und Drogenverstöße im Straßenverkehr auch den Versicherungsschutz – je nachdem, wieviel Alkohol der Fahrer im Blut hat.


Zahlt die Versicherung, wenn ich alkoholisiert einen Unfall baue?
Zunk: Die Kfz-Haftpflichtversicherung reguliert grundsätzlich immer den Schaden eines Dritten, wenn dieser schuldhaft herbeigeführt wurde. Unter Umständen kann der Versicherer die Summe aber von seinem Kunden zurückfordern. So ein Regress ist bereits ab 0,3 Promille möglich. Dieser Anspruch ist allerdings auf maximal 5000 Euro begrenzt.


Und was gilt für die (Voll-) Kaskoversicherung?
Zunk: Auch hier können bei Fahruntüchtigkeit die Leistungen gekürzt werden. Bereits ab 0,3 Promille kann grobe Fahrlässigkeit vorliegen. Das kann bedeuten, dass der Versicherte bei einem Blutalkoholgehalt von beispielsweise 0,5 Promille nur 50 Prozent seines Kaskoschadens ersetzt bekommt. Ab 1,1 Promille entfällt die Ersatzpflicht vollständig.


Und wenn die Mitfahrer im Siegestaumel verrücktspielen: Hafte ich als Fahrer mit?
Zunk: Grundsätzlich haftet jeder für den Schaden, den er selbst verursacht hat. Sollten die Fahrgäste vor Begeisterung derart verrücktspielen, dass ein sicheres Fahren unmöglich ist, bleibt dem Fahrer in letzter Konsequenz nichts anderes übrig, als anzuhalten und den Korso zu beenden. Unter Umständen kann das erkennbar rücksichtslose Verhalten von Mitfahrern übrigens bei den Behörden auch Zweifel daran auslösen, ob man zum Führen von Kraftfahrzeugen geeignet ist. Das Straßenverkehrsamt kann eine entsprechende Prüfung einleiten, besser bekannt unter dem Stichwort „Idiotentest“. Das kann den Führerschein kosten.