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Was Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen leisten – und wie sie funktionieren

Altersvorsorge

Erkrankung, Invalidität, Unfalltod: Das Leben birgt viele Gefahren. Lebens- oder BU-Versicherungen federn die finanziellen Folgen ab. Dass das möglich ist, liegt an der Risikoteilung im Kollektiv – und einer genauen Risikoeinschätzung.

20.01.2026

Versicherung – Was ist das eigentlich?

Es ist besser, Risiken des Lebens gemeinsam zu tragen als allein. Dieser simple soziale Gedanke liegt bis heute jeder Versicherung zugrunde. Dieses Konzept ist Teil der DNA von Versicherungen

Wir Menschen leben in einer Gemeinschaft, in der wir uns tagtäglich gegenseitig unterstützen und von dieser Kooperation profitieren. Auch Versicherung bedeutet gemeinsam füreinander einstehen. Der Einzelne wird nicht mit seinem Schaden, seinen Schicksalsschlägen alleingelassen. Stattdessen wird das Risiko geteilt. Wen ein Schaden trifft, dem steht die Versichertengemeinschaft bei.

© DIE VERSiCHERER
© DIE VERSiCHERER

Die gemeinsame Risikotragung im Kollektiv ermöglicht es, die finanziellen Rücklagen zu teilen. So muss nicht jeder Einzelne genügend Geld vorhalten, um im Falle eines Schicksalsschlages weiterhin finanziell versorgt zu sein. Stattdessen werden die dafür notwendigen Geldbeträge gemeinsam von der Versichertengemeinschaft aufgebracht und dort verwendet, wo sie benötigt werden. Dadurch wird Risikoschutz sehr viel günstiger als bei einer Individualvorsorge. Zugleich können Risiken abgesichert werden, die für den Einzelnen zu teuer wären. Dies erleichtert breiten Schichten der Bevölkerung den Zugang zu Risikoschutz.

Versicherungen bieten ein finanzielles Netz für Lebensrisiken

Der Alltag ist voller Chancen und Risiken, die unser Leben von einer Sekunde auf die nächste nachhaltig verändern können. Für die Risiken gibt es ein finanzielles Sicherheitsnetz: Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen springen ein, wenn jemand etwa aufgrund eines Unfalls oder einer Erkrankung nicht mehr arbeiten kann oder wenn die Hauptverdienerin einer Familie stirbt. Sie federn Einkommensausfall ab und sichern Todesfallleistungen zu, sodass Immobilien weiter abbezahlt und Leben ohne Geldnöte weitergeführt werden können.

Wie können Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen Sicherheit bieten?

Lebensverändernde Ereignisse, wie eine schwere Erkrankung, Invalidität oder vorzeitiger Tod, sind für einzelne Personen zwar nicht vorhersagbar. Bei einer großen Gruppe Menschen sieht das aber anders aus. Auf Basis von Statistiken und medizinischen Studien lässt sich kalkulieren, wie viele Menschen einer solchen Gruppe vorzeitig sterben oder invalide werden. Das ist ein wichtiges Grundprinzip für Versicherungen. Denn so können Versicherungen analysieren, wie viele Menschen aus dem versicherten Kollektiv wahrscheinlich eine Leistung benötigen werden. Mit dieser Information können die Versicherer dann auch berechnen, wie viel Geld nötig ist, um die Leistungszahlungen für diese Menschen zu finanzieren. 

Eine angemessene Prämie für den Versicherungsschutz wird dann so festgelegt, dass die gesamten Prämieneinnahmen für die zu erwartenden Leistungszahlungen ausreichen. Die Prämie ist also so hoch, dass die Summe der Prämien aller Versicherten ausreicht, um die Leistungen zu bezahlen. Versicherer nennen die Prämienhöhe, die für die zu erwartenden Leistungszahlungen ausreicht, auch die auskömmliche Prämie. 

Warum bezahlen manche Menschen mehr für ihren Versicherungsschutz als andere?

Die Herleitung einer auskömmlichen Prämie folgt für alle Versicherten dem beschriebenen Prinzip: Zuerst wird die Anzahl zu erwartender Leistungsfälle auf Basis von Statistiken oder medizinischen Studien vorhergesagt. Dann wird eine Prämie berechnet, bei der die gesamten Prämieneinnahmen zur Auszahlung der zu erwartenden Leistungszahlungen ausreichen. Die Anzahl der zu erwartenden Leistungsfälle ist allerdings nicht für alle Personengruppen gleich. 

© DIE VERSiCHERER
© DIE VERSiCHERER

Intuitiv ist klar, dass für eine Gruppe 30-Jähriger weniger Todesfälle in einem Jahr erwartet werden als für eine Gruppe 80-Jähriger. Handwerker, bei denen bereits Rückenbeschwerden bestehen, dürften häufiger berufsunfähig werden als Handwerker ohne Rückenbeschwerden. Diese erwartete Anzahl von Leistungsfällen bestimmter Personengruppen bezeichnen Versicherer als das Risiko. Bei Personengruppen mit hohem Risiko werden also mehr Leistungsfälle erwartet als bei Personengruppen mit niedrigem Risiko. Wenn aber in einer Gruppe mit mehr Leistungszahlungen gerechnet werden muss, dann sind für diese Gruppe auch höhere Prämienzahlungen notwendig, um genügend finanzielle Mittel für die Leistungszahlungen zu haben.

Bei privaten Versicherungen orientiert sich also die Prämie für den Versicherungsschutz vor allem an der Höhe des zu versichernden Risikos. Das unterscheidet private Versicherungen auch von einer Absicherung in Sozialsystemen. Bei Sozialsystemen steht der Gedanke der Umverteilung der finanziellen Belastung im Vordergrund. Wer finanziell gut dasteht, soll auch mehr in das Sozialsystem einzahlen, damit auch die Schwächsten in der Gesellschaft von einer Basisabsicherung profitieren können – unabhängig von der Höhe ihres Risikos.

Risikofaktoren: Woher weiß meine Versicherung, ob ich zu einer Gruppe mit hohem oder niedrigem Risiko gehöre?

Versicherer überlegen systematisch, welche Faktoren Einfluss darauf haben, ob beispielsweise Todesfälle häufiger vorkommen. Diese Faktoren werden Risikofaktoren genannt, weil sie beeinflussen, wie hoch das versicherte Risiko ist. Dafür werten Versicherer Erfahrungen aus vielen Jahren aus, in denen sie verschiedenste Personen versichert haben. Anhand dieser Erfahrungen können sie beobachten, bei welchen der versicherten Personen ein Leistungsfall eingetreten ist und bei welchen nicht. Für die Risikofaktoren suchen die Versicherer nach Gemeinsamkeiten von Personen mit einem Leistungsfall. 

So kann sich zum Beispiel zeigen, dass die Versicherung bei Menschen mit einer bestimmten Vorerkrankung oder mit einem bestimmten Beruf häufiger Leistungen auszahlen musste. Stellen Versicherer einen besonders auffälligen Zusammenhang zwischen einem Risikofaktor und der Anzahl der Leistungsfälle fest, werden konkrete Fragen zu dem Risikofaktor entwickelt. Diese Fragen werden den Kunden dann in den Anträgen gestellt, um bei ihnen diesen Risikofaktor abzufragen. Zum Beispiel: „Welchen Beruf üben Sie aus?“ oder „Leiden Sie an Diabetes?“. 

Neben den eigenen Erfahrungen prüfen Versicherer auch die Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien, um auszuwählen, welche Risikofaktoren für das jeweilige Versicherungsprodukt am wichtigsten sind. Welche Risikofaktoren relevant sind, legt ein Versicherer für jedes Versicherungsprodukt separat fest. Für eine Todesfallabsicherung wird es daher andere Risikofaktoren geben als für eine Berufsunfähigkeitsversicherung.

Was ist eigentlich Risikoprüfung?

Bei der Risikoprüfung geht es um die Frage, ob und zu welchen Konditionen eine Versicherung angeboten werden kann. In der Lebensversicherung geht es dabei vor allem um Fragen zur Gesundheit, Alter, Hobbies, Reisen und Beruf. Die Versicherung schaut sich die Angaben an und ermittelt daraus, zu welcher Risikogruppe die Person gehört. Bei jemanden, der zum Beispiel raucht, eine schwere Krankheit hat oder ein gefährliches Hobby wie Wingsuit-Fliegen ausübt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Versicherungsfalles höher. Dementsprechend müssen diese Menschen in passende Risikogruppen eingruppiert werden.

Einige Daten, die in der Risikoprüfung erhoben werden, sind sehr sensibel, zum Beispiel Gesundheitsdaten. Die Versicherer verarbeiten diese Daten umsichtig und geschützt entsprechend der hohen Datenschutzstandards der Datenschutzgrundverordnung und des Bundesdatenschutzgesetzes.

Versicherer müssen die individuellen Risiken ihrer Versicherten nicht nur kennen, um die Prämien zu kalkulieren, sondern auch, um das Risiko des gesamten Kollektivs abschätzen zu können. So können sie das gesamte Kollektiv schützen und sicherstellen, dass alle Leistungen jederzeit erbracht werden können. In der Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung bedeutet dies auch, dass der Versicherer zum Zeitpunkt der Antragstellung die Risiken über eine Vertragslaufzeit von bis zu 50 Jahren einschätzen muss.

Was sind mögliche Ergebnisse der Risikoprüfung – und was bedeuten sie?

Wenn Lebensversicherer beim Vertragsschluss ein Risiko bewerten, richten sie sich nach einem umfassenden Leitlinienkatalog. Darin ist aufgelistet, wie sich eine Vorerkrankung, ein Beruf, eine Reise oder ein Hobby auf das Risiko auswirkt, das versichert werden soll. In den allermeisten Fällen wird nach der Risikoprüfung ein Versicherungsvertrag angeboten. 

Bei manchen sehr hohen Risiken gibt es aber Ausnahmen. Damit in diesem Fall trotzdem Versicherungsschutz angeboten werden kann, bieten Versicherer oft alternative Lösungen an, wie Verträge mit einer höheren Prämie oder mit bestimmten Leistungsausschlüssen. In diesem Fall werden bestimmte Situationen, die mit dem erhöhten Risiko zu tun haben, vom Versicherungsschutz ausgeschlossen. 

Bei manchen Menschen sind die Risiken aber so hoch, akut oder unkalkulierbar, dass die Versichertengemeinschaft sie nicht tragen kann. Dann muss der Versicherer den Versicherungsantrag für einen bestimmten Zeitraum zurückstellen oder auch vollständig ablehnen.

 

© DIE VERSiCHERER
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Was kann ich tun, wenn ich kein Angebot zu den Standardbedingungen erhalte

Risikoprüfung und Prämienkalkulation sind Sache der Versicherungsunternehmen. Es steht ihnen innerhalb von Gleichbehandlungs- sowie Antidiskriminierungsrichtlinien frei, Risiken abzulehnen oder nur unter bestimmten Voraussetzungen anzunehmen. Grundsätzlich wollen Versicherer jedoch allen Kundinnen und Kunden Versicherungsschutz bieten – denn das ist ihre Geschäftsgrundlage. Es ist sinnvoll, verschiedene Angebote von Versicherern zu prüfen, um den bestmöglichen Schutz für die individuellen Bedürfnisse zu finden. Durch einen Vergleich von Angeboten profitieren Kunden auch davon, dass verschiedene Versicherer Risiken unterschiedlich einschätzen und unterschiedliche Risikogrenzen für sich definieren. 

Wie werden Versicherungstarife gestaltet? 

Damit möglichst viele Menschen passenden Versicherungsschutz bekommen können, werden Tarife so gestaltet, dass sie für möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Lebenssituationen und verschiedenen Risiken geeignet sind. Versicherer kalkulieren, wie oft im Durchschnitt ein Schaden passiert – dafür nutzen sie viele Bevölkerungsdaten und Daten von bisherigen Versicherten. Aus diesen Zahlen berechnen sie den Beitrag für den Standardtarif für Personen ohne Risikofaktoren. Dieser passt für die meisten Menschen, die keine besonderen Risiken haben.

Auch Menschen mit zusätzlichen Risiken, wie einer Krankheit oder einem gefährlichen Beruf sollen bestmöglich versichert werden. Dafür wird die Höhe des zusätzlichen Risikos bestimmt und dann in den Tarifkonditionen dieser Menschen berücksichtigt.

Wie sehen Risikoprüfungs-Leitlinien aus?

Risikoprüfungs-Leitlinien werden für jede relevante Vorerkrankung oder jeden Risikofaktor oft mit Abstufungen nach Schweregrad, aktueller Behandlung und weiteren medizinischen Details erstellt. Diese Empfehlungen geben an, ob und zu welchen Konditionen Versicherungsschutz für Menschen mit diesen Vorerkrankungen oder Risikofaktoren möglich ist. Diese Leitlinien werden regelmäßig aktualisiert, sodass neue medizinische Erkenntnisse aufgenommen werden können.

Wie entstehen Risikoprüfungs-Leitlinien?

Differenzierte Risikoeinschätzungen zu erstellen ist sehr aufwändig. Müsste jeder Versicherer eigene Risikoeinschätzungen erstellen, wäre das sehr teuer für die Versicherten. Deshalb werden die Leitlinien meist von Rückversicherern erstellt, die global agieren und Spezialisten in diesem Bereich sind. 

Für die Ausarbeitung der Risikoprüfungs-Leitlinien sind dort spezialisierte Expertenteams zuständig. Beispielsweise Medizinerinnen und Mediziner verschiedener Fachrichtungen, die zusätzlich Kenntnisse über Versicherungsmedizin haben sowie Experten für spezielle Risiken, z. B. aus dem Beruf, und auch Versicherungsmathematiker.

Wie kommt die Risikoeinschätzung in die Risikoprüfungs-Leitlinien?

Die Versicherungsmedizin hat Methoden entwickelt, um Risiken zu bewerten, die vom Standardrisiko abweichen. Dabei wird Versicherungsmathematik mit medizinischem Fachwissen kombiniert. Das umfasst aktuelle Erkenntnisse aus Behandlungsleitlinien der medizinischen Fachgesellschaften ebenso wie aus Studien mit belastbarer Datenbasis oder großen Datensammlungen aus Registerdaten. Auf dieser Grundlage können die Fachleute ermitteln, wie hoch ein bestimmtes Risiko – zum Beispiel durch eine Krankheit – wirklich ist.

Bevor neue Risikoprüfungs-Leitlinien eingeführt werden, prüfen mehrere Fachleute unabhängig voneinander, ob die neuen Regeln inhaltlich stimmen und in der Praxis anwendbar sind.

Wann werden Risikoprüfungs-Leitlinien an den medizinischen Fortschritt angepasst?

Dank des medizinischen Fortschritts werden die Gesundheitsaussichten für viele Menschen zunehmend besser. Das heißt, Krankheiten können besser behandelt werden und das Risiko für schwere Folgen sinkt. Dadurch können oft mehr Menschen eine Versicherung bekommen oder zu günstigeren Prämien versichert werden. Deshalb passen Rückversicherer ihre Regeln für die Risikoprüfung regelmäßig an. Wie oft das passiert, hängt davon ab, wie schnell sich die Medizin weiterentwickelt. Die offiziellen Empfehlungen für die Behandlung bestimmter Krankheiten werden in der Regel alle fünf bis zehn Jahre durch die medizinischen Fachgesellschaften überarbeitet.

Wichtig für die Anpassung der Regeln ist auch, ob eine neue Behandlung das Risiko für die Versicherung wirklich ändert. Wenn zum Beispiel die Überlebenszeit bei einer Krankheit von einem auf zwei Jahre steigt, ist das für die Medizin und die betroffenen Menschen ein großer Fortschritt. Für die Lebensversicherung ändert sich jedoch wenig. Denn in diesem Beispiel ist es weiterhin nahezu sicher, dass der Versicherungsfall unmittelbar bevorsteht im Vergleich zu einem unsicheren Ereignis, das versicherbar ist. Dagegen hat sich die Lebenserwartung nach anderen Erkrankungen oder Infektionen in den letzten Jahren teilweise deutlich verbessert und ermöglicht einem größeren Personenkreis Versicherungsschutz.